Rede zum 25jährigen Bestehen der Schule, 1994


 Erich Kästner - ein Dichter ohne Denkmalssockel

Wie gehen wir mit unserem Namenspatron um ?
Was bedeutet er uns eigentlich?

Fangen wir mit der Kritik an ihm an, wie sie in den letzten Jahren immer wieder laut wurde. Da ist von seiner "aufgeräumten Wirklichkeit" die Rede, von den Widersprüchen des Menschen Erich Kästner, von seiner von Vorurteilen geprägten Sicht auf die Wirklichkeit. Es stimmt: Erich Kästner, im Jahre 1899 in Dresden geboren, ist vielen traditionellen Klischees seiner Zeit verhaftet. Er eignet sich nicht zum Revolutionär. Sein Bild von der Frau, das zwischen tränenreicher Rührseligkeit und Macho-Blick schwankt, erschreckt nicht nur hartgesottene Feministinnen. Sein Glaube an die Macht der Kultur mag vor dem damaligen Zeithintergrund und auch vor unseren heutigen Erfahrungen allzu naiv erscheinen.

Aber ist das die ganze Wahrheit?
Warum mögen wir Kästner?

Natürlich fallen uns zuerst die "Helden" unserer Kinderzeit (von Lehrern und Schülern!) ein, die seiner Fantasie entsprungen sind. Ob das "Emil und die Detektive" (sein erstes Kinderbuch von 1928) ist oder "Pünktchen und Anton", "Das fliegende Klassenzimmer" oder "Das doppelte Lottchen", um nur die bekanntesten zu nennen, alle sind Klassiker der Jugendliteratur und haben im Herzen der Kinder bis heute ihren festen Platz.

Weiterhin würden viele Kinder und Jugendliche ohne die kongenialen Bearbeitungen und Neuschöpfungen Kästners so wichtige Figuren der Literatur wie Don Quichotte, Gulliver oder Till Eulenspiegel nicht kennen, würden die Abenteuer der Schildbürger oder Münchhausens nicht lesen, weil die Originalsprache zu unzugänglich ist. Dieser Kästner des Lesebuchs ist uns allen als pädagogischer Patenonkel, mit dem wir das Lesen gelernt haben, wohl vertraut.
Auch ist er uns ein Lehrmeister der geschliffenen Sprache, der treffenden Pointe und der messerscharfen Formulierung: Ein Sprachartist von seltener Brillanz ! Das ist in einer Zeit, die uns mit Bildern überfüttert, die an sprachloser Atemnot leidet und in der uns ein X für ein U vorgemacht werden soll, nicht gerade wenig.

Von der Werbung haben sie's gelernt (die Meinungsmacher): Direkt am Hirn vorbei soll die "message" über die Bilderflut ins Unterbewusste gelenkt werden und dort Wurzeln schlagen. Da kann uns ein Dr.Kästner, nicht nur wegen seiner "Lyrischen Hausapotheke" (1936), mit seiner Gegentherapie des selbstverantworteten Denkens helfen. Wir lernen bei ihm das lustvolle Umgehen mit der Sprache, das Ausloten der begrifflichen Nuance und das Eintauchen in das Labyrinth der Gedanken - immer am rettenden Ariadne-Faden der Vernunft: Kästner ist ein Landvermesser im Sprachlichen.

Überhaupt die Vernunft - eine Lieblingsvokabel unseres Dichters. Sie nimmt in seinem Denkgebäude einen zentralen Platz ein, mehr als Utopie denn als Beschreibung der Realität. Und dennoch ist sie eine unverzichtbare Hoffnung; sie - vor allem der Glaube an ihre universelle Wirksamkeit - ist die Grundlage für den ansteckenden Optimismus dieses Enkels der Epoche der Aufklärung.
Zwei Weltkriege konnten dem Moralisten Kästner diese Überzeugung nicht rauben. Und was hat Kästner nicht alles an "Geschichte" miterlebt?
Er war Untertan des Kaisers, erlebte die Weimarer Republik und ihre Agonie, musste zusehen, wie sich Nazideutschland braun bekleckerte und kommentierte schließlich als Autor, Kabarettist und Journalist den Aufstieg der Bundesrepublik aus dem Chaos bis zu seinen Tod im Jahr 1974. Und immer hat er "mitgemischt", war mittendrin - als Kommentator oder Opfer. So wird man in Deutschland kein "großer Dichter". Wer die Tagesaktualität zu seinem Thema macht, bleibt in der Sphäre der Kritik und der Kritisierbarkeit, verhindert damit Distanz und Abgehobenheit.

Ein solcher Dichter hat bei uns keinen Denkmalssockel.

Kästners Sicht der Dinge ist einfach und praktisch, wie es sich in seinem oft zitierten Epigramm, einer Quintessenz seiner Moral, ausdrückt.

Es gibt nichts Gutes
außer: Man tut es !

Der "Kästner für Erwachsene", von dem wir gerade sprechen, wird gleich mit seinem ersten Gedichtband "Herz auf Taille" (1928) berühmt.

Der Mensch ist gut ! Wenn er noch besser wäre,
wär er zu gut für die bescheidne Welt.
Auch die Moral hat ihr Gesetz der Schwere:
Der schlechte Kerl kommt hoch - der Gute fällt.

(Erich Kästner, "Der Mensch ist gut" aus "Herz auf Taille", Curt Weller & Co, Wien/Leipzig, 1928)

Hier haben wir schon den typischen "Kästnerton": pointiert, witzig, zeitkritisch und häufig auch frivol (fehlende Beispiele in diesem Bereich möge man mir verzeihen !). Der Gedichtband "Lärm im Spiegel" und vor allem der Roman "Fabian" (1931) festigen seinen Ruf als zorniger junger Mann der Literatur. Er wird schnell zum literarischen Aufsteiger und gehört zur "Szene" im Berlin der 30er Jahre. Allerdings ist er nicht nur "Bürgerschreck", sondern auch "erschrockener Bürger", wie Robert Neumann treffend bemerkt. Erschecken über eine Welt, die aus den Fugen zu geraten droht, in der Ellenbogenmentalität und Massenelend herrschen, in der die junge Demokratie vor die Hunde geht und die so wenig den Idealen des Bildungsbürgertums entspricht, in der sich Kästner, der begabte Sohn armer Eltern, unter unsäglichen Opfern (vor allem der Mutter) und mit viel Ehrgeiz und Fleiß (die Sohnespflicht) mühsam hochgearbeitet hat.

Mit dem Sieg des Faschismus 1933 gehen die Lichter aus - auch für das junge Talent Erich Kästner, das sich eben in seinem neuerworbenen Ruhm einzurichten beginnt. Trotz Publikumsverbots und Bücherverbrennung bleibt er in Deutschland, er wird notgedrungen leiser, sucht nach Nischen, aber er lässt sich nicht einspannen, wandelt mit List und Intelligenz auf dem schmalen Grad zwischen Widerstand und Unauffälligkeit, und er überlebt. Und das ist viel angesichts des braunen Terrors, auch wenn manche Kritiker heute gerne etwas mehr Heldenmut und politische Entschiedenheit von ihm gesehen hätten - eine billige Forderung aus der sicheren Distanz ihres eigenen ungefährdeten Lebens!

Ein Held oder gar ein Märtyrer ist Kästner nicht, sondern - wir haben es bereits gesagt - ein Mensch mit Schwächen und Widersprüchen, geprägt von seiner kleinbürgerlichen Erziehung.

Wer wollte ihn dafür anklagen ? Ich glaube, die meisten von uns haben viel Ähnlichkeit mit ihm, und viele scheuen schon ein offenes Wort, wenn es nur geringe Unannehmlichkeiten mit sich bringen könnte. Kästner tritt bis zu seinem Tod leidenschaftlich für den Frieden ein und er kämpft gegen die Wiedergeburt des Rassismus und die Köpfe vernebelnde Ideologie.

Sollten das nicht Qualitäten sein, die Schülern und Lehrer heute Ansporn und Richtschnur sein können ? Blinde Verehrung war Kästners Sache nicht und sollte auch nicht die unsere sein. Kästner ist ein Schriftsteller, mit dem Schüler umgehen können - er ist gottlob kein Säulenheiliger.

 Text : Ulrich Schwarz

 

 

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